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– das Modell ambulanter Pflege aus den Niederlanden

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Buurtzorg, übersetzt Nachbarschaftshilfe, revolutioniert seit 2007 das niederländische Pflegesystem und begeistert auch in Deutschland immer mehr Menschen. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich am einfachsten an einem Beispiel erklären:
Ein pflegebedürftiger Mann mit künstlichem Darmausgang klagt über Bauchschmerzen. Die Pflegerin des Buurtzorg-Teams setzt sich an seine Bettkante und hört ihm erstmal zu, wie er denn so seinen Alltag verbringt. Er erzählt, dass seine Frau auf dem Markt einige Kilo Bohnen erstanden hat und beide nun mehrmals täglich Bohnen essen. Die Ursache der Bauchschmerzen ist schnell geklärt. Ein Gespräch darüber, doch besser auf schwer Verdauliches wie Bohnen zu verzichten, reicht aus, um das Problem zu lösen.

Dieselbe Geschichte hätte ohne Unterstützung eines Buurtzorg-Teams vermutlich eine ganz andere Entwicklung genommen: Aus Sorge hätte seine Frau den Arzt angerufen, der vermutlich aufgrund der Vorerkrankung die Einweisung in ein Krankenhaus veranlasst hätte. Dort wäre der Mann nach eventuell mehreren belastenden Untersuchungen wieder nach Hause entlassen worden.

Das Ziel von Buurtzorg

Buurtzorg steht für ein ambulantes Pflegesystem, das den Patienten und Pflegebedürftigen ein eigenständiges Leben ermöglicht und ihre Selbstfürsorge aktiv fördert. Die Pfleger*innen erkunden durch Gespräche mit Patienten und Angehörigen die gesamte Lebens- und Wohnsituation und entscheiden dann, welche Pflege in welcher Form notwendig ist. Anders als im herkömmlichen Pflegedienst sind sie dabei nicht mehr nur Fachkräfte, die ausführen, was der Arzt oder die Pflegedienstleitung angeordnet hat. Vielmehr organisieren und koordinieren sie die gesamte Unterstützung und stehen in direktem Kontakt zu Ärzten, Krankenhaus, Physiotherapeuten oder anderen Spezialisten. Vor allem aber beziehen sie Angehörige, Freunde, Nachbarn und Ehrenamtliche ein: Eine Frau benötigt für vier Wochen Augentropfen? Ein Nachbar ist bereit, dies statt der Pflegerin zu übernehmen. Ein Mann ist nicht mehr gut zu Fuß? Ein Verwandter, der ohnehin einkaufen geht, bringt ihm mit, was er braucht. Eine Dame möchte ein Konzert besuchen? Eine Ehrenamtliche übernimmt den Fahrdienst. Auf diese Weise entsteht nach und nach für jeden Patienten ein informelles Netzwerk von Helfer*innen, auf das er sich verlassen kann und das zugleich Angehörige entlastet. Dabei wird ein ständiger Wechsel der Pflegekräfte vermieden, was auf beiden Seiten zu Sicherheit und Vertrauen führt.

Ein neues Arbeitsmodell für Pflegefachkräfte

Doch nicht nur für die Patienten und deren Familien führt das System zu einer großen Zufriedenheit. Das Besondere an Buurtzorg ist, dass es auch die Arbeit der Pflegekräfte völlig verändert, indem es ihnen ein hohes Maß an Eigenverantwortung überträgt. Die Pfleger*innen arbeiten in Teams von vier bis maximal zwölf Fachkräften. Sie sind zwar bei einem Pflegedienst angestellt, arbeiten aber selbstständig mit eigenem Budget und entscheiden auch, wer in ihr Team aufgenommen wird. Müssen sie bisher, manchmal mit Murren und einem gewissen Unmut, hinnehmen, was ihnen die Pflegedienstleitung in den Plan schreibt, sind sie nun gefragt, selbst Verantwortung zu übernehmen: Sie suchen neugierig und engagiert nach Lösungen und wirken an der Zukunft einer anderen Pflege aktiv mit. Zugleich werden sie von Verwaltungsaufgaben wie z.B. der Rechnungstellung entlastet, da dies der Pflegedienst, bei dem sie angestellt sind, übernimmt.

Auf ihre neue Aufgabe werden die Pfleger*innen gut vorbereitet. Die Teams werden von einem Coach begleitet, der sie insbesondere in der Kommunikation mit den Patienten, den Helfer*innen und im Team schult. Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg und die Achtsame Kommunikation (mindful communication) liefern hier eine ideale Grundlage. Hinzu kommt die Unterstützung durch eine spezielle Software, die den Austausch der Teams untereinander sowie zwischen Pflegeteam und Angehörigen erleichtert: Ein Pfleger hat einen neuen Patienten mit einer seltenen Krankheit? Über das Netzwerk kann er fragen, wer schon Erfahrung damit sammeln konnte. Eine Pflegerin ist auf der Suche nach einer bestimmten Weiterbildung? Kolleg*innen können hier wertvolle Tipps geben. Auf diese Weise kommt ein Prozess der gegenseitigen Unterstützung in Gang, von dem alle Beteiligten profitieren.

Vorbild Niederlande

Dass das Modell funktioniert, zeigt der Niederländer Jos de Blok, der die Idee 2007 entwickelte und mit anfangs vier Pflegefachkräften in die Tat umsetzte. Heute zählt der Dienst mit dem Motto „Menschlichkeit vor Bürokratie“ in den Niederlanden 10.000 Mitarbeiter*innen, wurde mehrfach zum besten Arbeitgeber des Jahres gewählt und hat zu einer starken Aufwertung der Pflegeberufe geführt. In zahlreichen Ländern und auch in Deutschland steigt das Interesse an dem Modell. Denn nach den Patienten und den Pflegekräften profitiert auch das Gesundheitssystem, indem es die Attraktivität der Pflegeberufe steigert und gleichermaßen die Patientenzufriedenheit erhöht und die Kosten der Pflege senkt. Deshalb wird das Buurtzorg-Projekt der beiden Pflegedienste Impulse (Emsdetten) und Sander (Hörstel) auch von regionalen politischen und wirtschaftlichen Akteuren unterstützt und von der Fachhochschule Münster wissenschaftlich begleitet.

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